Im Wagen vor mir…
Nein, ich habe keine Ahnung wer im Wagen vor mir fährt. Und das ist auch nicht wirklich wichtig. Wichtig ist hingegen, dass ich gleich in einem, bis dahin noch, völlig fremden Auto sitzen werde. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass so etwas passieren könnte…
Wir sind noch immer beim Tai Chi Seminar im Botanischen Garten. Und wie jeden Mittag stellt sich die Frage nach dem Mittagessen. Immer im Seminarzentrum zu essen scheint überhaupt nicht in Frage zu kommen. Die Abwechslung ist hier in China beim Essen absolut wichtig.
Normalerweise gibt mir Meister Yang immer ein paar Hinweise, was wir tun und wie es weiter geht. Doch der ist plötzlich verschwunden. Kein Problem, er ist schließlich mit seiner Frau und den Kindern hier und hat sicher gerade etwas anderes zu tun.

Gerade denke ich noch so für mich “und was mache ich jetzt”. Es wäre kein Problem, denn rund um den Zugangsbereich zum Garten gibt es jeden Menge Händler und Stände. Aber ganz so, als hätte jemand meine Gedanken gelesen, steht plötzlich einer meiner Mitschüler neben mir und sagt “eating”. Dabei macht er diese einladende Handbewegung, dieses “komm, folge mir”. Und genau in diesem Moment drehen sich alle anderen Tai Chi Schüler, die bereits vorausgegangen waren, um, sehen uns und rufen meinen Namen. Und auch sie machen alle diese “Komm mit” Handbewegung. Als ich nicht sofort reagiere, werden die Rufe nach mir lauter und die Handbewegung intensiver.
Ein Mitschüler aus der Gruppe, der bereits ziemlich weit vorn in der Gruppe gelaufen war und schon fast an seinem Auto angekommen ist, kommt extra noch einmal zurück, kommt direkt auf mich zu und winkt mir noch einmal auffordernd zu. Er ist jetzt fast so nahe, dass er mich auch an die Hand nehmen könnte. Er öffnet mir die Tür zum Wagen und macht eine einladende Geste, die mir sagt “steig ein, nimm Platz”. Und so sitze ich plötzlich in einem fremden Auto und werde einfach mitgenommen. Mein guter alter Freund Conny würde jetzt sagen “Du siehst schon wieder so mitgenommen aus”. Im Auto wird schnell noch bei Meister Yang angerufen, damit er darüber im Bilde ist, wo ich mich gerade befinde. Das alles wäre noch nicht einmal so aufregend, wenn ich nicht wüsste, wer mich da so freundlich zur Mitfahrt eingeladen hat. Es ist Herr Li, der zweite Vorstandsvorsitzende der ICBC Bank, der Provinz Hebei. Wie Meister Yang immer wieder betonte, der größten Bank der Welt. Und das alles passiert auf so natürliche, unkomplizierte Art und Weise und macht mich trotzdem irgendwie stolz.



Und dann fahren wir in ein absolut unscheinbares Restaurant. Im Hinterhof gelegen, wirkt es erst einmal nicht sehr einladend. Die Bäume im Hof sind mit künstlichen Blütenranken geschmückt und schon ziemlich verstaubt. Da werden Klischees erfüllt, denke ich. Inzwischen sind auch Meister Yang und weitere seiner Schüler zu uns gestoßen. Ein eigener Raum ist, wie so oft, für uns reserviert. Natürlich ist der runde Tisch in der Mitte wieder das dominierende Element im Raum. Und wieder steht Herr Li neben mir und bittet mich Platz zu nehmen. Er nimmt selber direkt neben mir Platz und wird mich auch während des gesamten Essens “betreuen”, mir immer wieder neue Speisen auf meinen Teller reichen oder mich bitten mir noch etwas zu nehmen. Natürlich wieder durch einladende Gesten. Eigentlich kann ich mich auch selbst bedienen. Aber er scheint sehr besorgt darüber zu sein, dass der Gast nicht genügend bekommt. Dabei stehen gerade bei diesem Essen extrem viele Gerichte auf dem Tisch. Und es sind Dinge dabei, die ich vorher noch nicht probieren konnte. Und dann folgt noch ein kleines Highlight. Herr Li bedankt sich bei mir, dass ich den weiten Weg von Deutschland auf mich genommen habe. Er bedankt sich bei mir dafür, dass ich mich so für die Traditionen Chinas interessiere und einen Teil davon selber fortführe und zur Erhaltung beitrage. Toll!
Dabei ist es doch eher mein Part, mich für die Gastfreundschaft zu bedanken, was ich wenig später natürlich auch noch mache.


Übrigens war Herr Li nicht der Gastgeber und Organisator des Essens, sondern ein anderer Schüler von Meister Yang. Und einen Vorteil hatte es, dass es das Mittag- und nicht das Abendessen war – es wurde kein Schnaps getrunken. Den gibt es beim größeren Abendessen nämlich sonst (zu) reichlich.


Hallo lieber Frank,das ist ja wirklich eine tolle Reise. Weiterhin viel Freude.LG
Oh was für tolle Leckereien 👍👍👍tausendjährige Eier sind auch dabei 😀